Julia: „Hand auf’s Herz“

Frau mit zwei Äpfeln

Bei meiner Erstdiagnose 2013 war die Einschätzung aller Schwestern und Ärztinnen eindeutig: „Lassen Sie nach der Mastektomie einen Aufbau machen, sonst werden Sie jeden Tag daran erinnert. Wir machen Ihnen da was Schönes!“ Die Vorstellung, Silikon in meinem Körper zu haben, hat mir nie behagt. Aber ich habe damals meine Vorbehalte überwunden und bin dem gut gemeinten Rat gefolgt. Wird schon gut gehen, hoffte ich.

Zwei Jahre versuchte ich, mich mit der „neuen Brust“ zu arrangieren. Manchmal irrierten mich tagelang Missempfindungen bei gleichzeitiger Taubheit und einem anhaltenden Fremdkörpergefühl. Das Implantat verformte die Brust mit der Zeit zusehends. Ich fragte mich, wie ein solcher „Brustaufbau“ den Aufwand wert sein konnte, fühlte mich verkrüppelt und schämte mich. Es dauerte ein weiteres Jahr, ehe ich mich in die Hände eines anderen Arztes begab, der mich zu einem Implantatwechsel ermutigte. Mit dem neuen Implantat konnte ich zwei Sommer unbeschwert genießen und fand es super, mir um die Brust keine Gedanken mehr machen zu müssen.

Doch dann begann auch das zweite Implantat herumzuzicken und irgendwie mit dem Brustmuskel zu „verkleben“. Parallel dazu ergab sich ein neuer Befund in der anderen, bisher gesunden Brust. Ich kam ins Grübeln. Hatte ich wirklich vor, mich zukünftig Jahr für Jahr unter´s Messer zu legen und mich quasi „scheibchenweise“ von meiner Brust zu verabschieden? Worum ging es hier eigentlich? Ich entschied mich, diesmal auf mein Bauchgefühl zu hören, alles entfernen zu lassen und auf einen Aufbau endgültig zu verzichten.

Der erste Sommer nach der Mastektomie war schwierig. Ich machte mir viele Gedanken darüber, wie „die Anderen“ darauf reagieren würde. Aber die dummen Bemerkungen blieben aus. Kaum jemand verhielt sich mir gegenüber befremdlich. Mein Leben hatte sich nicht zum Schlechteren gewendet. Ich war immer noch ich. Genau so oft deprimiert, fröhlich, entmutigt, enthusiastisch, träge, voller Tatendrang, enttäuscht, optimistisch, … wie früher. Mit einem entscheidenden Unterschied: Ich fühlte mich in meinem Körper endlich wieder wohl. Ich konnte mich wieder so bewegen, wie ich wollte. Und da, wo früher ein „tauber“ Brustersatz gethront hatte, war ich jetzt flach und meine Haut wieder empfindsam.

Ende gut, alles gut? Nein, denn wie früher kann und wird es nie wieder sein. Aber warum sollte es das auch? Ich bin älter geworden. Das Leben hinterlässt seine Spuren. Unsicherheiten bleiben. Und leider lässt es sich nicht vermeiden, hin und wieder auf Menschen zu treffen, die die Brustlosigkeit als persönlichen Affront empfinden und das auch zum Ausdruck bringen. Aber – Hand auf´s Herz – die meiste Zeit meines Lebens verbringe ich doch mit mir selbst und mit Menschen, die ich ganz gut leiden kann. Und ich bin sehr froh darüber, in meinem Körper wieder Zuhause zu sein.

Foto: privat